Kastration beim Hund – Was spricht dafür? Was Dagegen?

von | Mai 13, 2021 | Gesundheit, Hund

Kaum ein Thema rund um den Hund ist so umstritten wie die Kastration. Viele sind ‚nach alter Schule‘ noch immer uneingeschränkt der Meinung Hunde, insbesondere Rüden, sollten auf jeden Fall kastriert werden.  Andere sind entschieden dagegen.

Die Beweggründe reichen von der ‚Verhinderung in ungewollter Vermehrung‘ wie es oft bei Tierschutzvereinen angeführt wird, über die Vorbeugung möglicher Krankheitsbilder bis zur Hoffnung bestimmte Verhaltensweisen durch die Kastration ändern zu können. Aber ist das überhaupt möglich?

In diesem Blogartikel möchte ich das Thema einmal genauer unter die Lupe nehmen, denn auch für einen unserer Rüden steht eine Kastration im Raum.

Natürlich bin ich keine Tierärztin und ich erhebe keinesfalls den Anspruch, dass ich in meinem Blogartikel alle Gesichtspunkte zur Kastration vollständig und ausführlich beleuchte. Es ist mir ein Anliegen den Einen oder der Anderen vielleicht einen Denkanstoß zu geben, ob eine Kastration wirklich das richtige ist. Die Entscheidung liegt am Ende immer bei dir und deinem Tierarzt/ deiner Tierärztin.
Kastration beim Hund Nina Hammig Training für Mensch und Hund

Rechtlich gesehen…

…darf eine Kastration nach §6 des Tierschutzgesetzes nur im Einzelfall geschehen, wenn eine tierärztliche Notwendigkeit besteht.

Im genauen Wortlaut steht dort:

“§6 Verboten ist das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres. Das Verbot gilt nicht, wenn

1. der Eingriff im Einzelfall

   a) nach tierärztlicher Indikation geboten ist […]”

 Aus rechtlicher Sicht ist also ganz klar geregelt, dass eine Kastration nicht stattfinden darf, nur weil der Hund das Alter X erreicht hat oder ‚Rüden in dem Alter halt kastriert werden sollten‘. Es muss immer eine Einzelfallentscheidung bleiben.

Auch die allgemeine Verpflichtung in vielen Übernahmeverträgen von Tierschutzvereinen, dass das übernommene Tier zu kastrieren ist, um die ungewollte Vermehrung zu vermeiden, steht somit rechtlich auf sehr wackeligen Füßen. Denn neben der Kastration durch eine OP gibt auch noch die Möglichkeit der Sterilisation, um ungewollte Vermehrung zu vermeiden. Und das Kastrations-Implantat gibt’s ja auch noch.

Kastration beim Hund Nina Hammig Training für Mensch und Hund

Kastrations-Implantat vs. OP

RÜDEN

Das Suprelorin-Implantat, wie der Kastrations-Chip beim Tierarzt heißt, wird für viele immer beliebter. Dieses Implantat wird dem Rüden im Nacken-/Schulterbereich unter die Haut gespritzt und gibt von dort aus den Wirkstoff ‚Deslorelin‘ ab.

Die Hypophyse, eine Drüse Gehirn, welche für den Hormonhaushalt zuständig ist, bekommt durch den Wirkstoff permanent die Meldung, dass genug Geschlechtshormone vorhanden sind und veranlasst dass die Hoden ihre Testosteronprduktion einstellen.

Die Wirkung des Implantats ist auf 6 oder 12 Monate begrenzt, je nach gewählter Große. Es gibt allerdings auch schon Erfahrungswerte, dass die Implantate bei kleinen Hunden ggf. länger und bei sehr großen Hunden kürzer wirken können. Diese Erfahrung mussten wir mit unserem 55kg Alaskan Malamute leider auch schon machen.

 Im Gegensatz zur OP ist die Wirkung des Implantats reversibel – die Wirkung des Implantats lässt nach einer Zeit ja wieder nach – prüfen kann, wie der Rüde sich nach einer Kastration verhalten würde. Auch Auswirkungen auf das Fell können so sichtbar werden, viele Rüden langhaariger Rassen bekommen ein struppigeres ‚Welpenfell‘, wenn sie kastriert werden. 

Ein weiterer Vorteil der Implantate ist natürlich, dass sie ohne Narkose und chirugischen Eingriff, der bei einer kompletten Kastration notwendig ist, gesetzt werden können. So sind sie bei älteren, gesunden Hunden, die man dem Risiko einer Narkose nicht aussetzen will, eine entsprechende Alternative. Aber auch einige Halter*innen jüngerer Tiere möchten dieses Risiko meiden und entscheiden sich für ein Implantat.

Hündinnen

Auch bei Hündinnen gibt es die Möglichkeit einer chemischen Kastration, die ebenfalls als ‚Testlauf‘ für eine chirurgische Kastration genutzt werden kann, um das Verhalten nach einer Kastration sichtbar zu machen.

Die chemische Kastration der Hündin kann ebenfalls mittels eines Implantats oder einer Hormonspritze erfolgen. Allerdings besteht bei der Hündin durch eine chemische Kastration das Risiko, dass sie an Diabetes mellitus erkranken kann – dann muss die chemische Kastration rückgängig gemacht werden.

chirurgische Kastration Vs. Sterilisation

Bei der Kastration werden beim Rüden die Hoden und bei der Hündin die Eierstöcke meist inklusive der Gebärmutter entfernt. Es wird also ein großer Teil der Geschlechtsorgane entnommen. Organe, die auch einen großen Einfluss auf den Hormonhaushalt unserer Hunde habe und danach entsprechend fehlen.

Bei der Sterilisation werden hingehen nur die Samenleiter beim Rüden bzw. die Eileiter bei der Hündin durchtrennt. Alle am Hormonhaushalt beteiligten Organe bleiben intakt, es kann eben nur nicht mehr zu ungewollten hundewelpen kommen.

 Jetzt fragst Du dich mit Sicherheit, warum dann nicht häufiger sterilisiert wird, oder?

 Viele Halter*innen wissen schlechtweg nicht, dass es diese Möglichkeit auch gibt. Zudem werden Sterilisationen in den meisten Tierarztpraxen selten durchgeführt, da diese zwar weniger invasiv sind, aber meist teurer.  Zudem bleiben eben alle Hormone erhalten, der Sexualtrieb und alle weiteren körperlichen Reaktionen auf die Gerüche andere Hunde bleiben erhalten.

Viele Halter*innen wünschen sich aber eben genau das bei ihrem Hund zu unterbinden.

Gründe für die Kastration

Viele Halter*innen führen als Gründe für die Kastration unerwünschte Verhaltensweisen wie vermehrtes Aufreiten, ständiges markieren, aggressives Verhalten und fehlende Ansprechbarkeit außerhalb des Hauses an. Oft wird auch die Läufigkeit der Hündin, welche mit einer Blutung einhergeht, als unangenehm empfunden.

All diese ‚störenden Verhaltensweisen‘ sind eigentlich keine wirkliche Begründung für eine Kastration.  Viele Verhaltensweisen, besonders im aggressiven Bereich lassen sich nach kurzer Zeit nicht mehr durch eine Kastration ‚eliminieren‘ – sie wurden bereits erlernt und nur noch gezieltes Training kann dann etwas an dem Verhalten ändern.

Einige möchten mit der Kastration auch das Risiko von bestimmten Krebsarten verringern. Das ist lieb gemeint, aber leider nur eine Seite der Medaille. Mittlerweile wurde durch Studien belegt, dass das Risiko für einige Krebsarten durch Kastrationen zwar sinkt, das Risiko für andere Krebsarten aber je nach Rasse steigen kann.

 

Natürlich gibt es tierärztliche Indikationen für eine Kastration, das können zum Beispiel folgende Dinge sein:

Pyometra (Gebärmutterentzündung)

Scheinschwangerschaften, unter denen die Hündin sehr leidet

Tumore der Geschlechtsorgane

Hodenhochstand beim Rüden

Prostataerkrankungen

Starke Hormonschwankungen, die das Verhalten stark negativ beeinflussen

etc…

Ein Wort zur Frühkastration

Von einer ‚Frühkastration‘ spricht man in der Regel, wenn eine Hündin noch vor der ersten Läufigkeit, also noch vor erreichen der Geschlechtsreife kastriert wird, also mit ca. 6 bis 12 Monaten. Bei Rüden bewegt man sich mit der Frühkastration im gleichen Zeitraum.

 Während der Pubertät reift nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn aus. Rüde und Hündin legen das kindliche ab, werden langsam pubertär und stellen mehr oder weniger alle geltenden Regeln in Frage um am Ende der Pubertät als erwachsene Individuen vor uns zu stehen.

 Wird nun Rüde oder Hündin kastriert bevor diese ganzen Prozess überhaupt in Gang gesetzt wurde bleibt das Tier mit sehr großer Wahrscheinlichkeit was Verhalten und Körperbau angeht sein Leben lang immer eher kindlich – denn die zum vollen Ausreifen benötigten Hormone sind schlichtweg nicht vorhanden.

 Eine Frühkastration sollte also wirklich nur im Notfall und nach genauer Abwägung erfolgen.

Unser Loki und sein Hormon-Chaos

Für uns stand von Anfang an fest, dass wir unseren erste Hunde nur kastrieren lassen, wenn es unbedingt notwendig ist.

 Mit Loki sind wir nun an so einem Punkt angekommen. Wir haben ihm im letzten Frühjahr ein Suprelorin-Implantat setzen lassen. Zuvor hat er uns, wenn wir nicht da waren, die Tapeten von den Wänden gerissen und die Wände angeknabbert, Kissen zerstört und ist nervös in der Wohnung auf und ab getigert – bitte nicht falsch verstehen, wir haben mit ihm und auch Nero das alleine bleiben sehr lange und gut geübt und monatelang keinerlei Probleme gehabt. Und dann fing es von einem auf den anderen Tag an. Zusätzlich war loki, wenn wir da waren, weiter sehr unruhig, hat viel gejault, wenig bis gar nichts gefressen. Lange haben wir gerätselt, was nicht stimmt.

Und dann fanden wir heraus, dass es in der Nachbarschaft eine läufige Hündin gab und schon machte alles Sinn.

In Absprache mit dem Tierarzt bekam Loki also das 12-Monats Implantat, in der Hoffung, dass er es nur einmal benötigt und in einem Jahr zumindest langsam erwachsener wird und das Hormonchaos ihn nicht zu heftig ärgert. Dem war leider nicht so.

Keine 9 Monate später merkten wir, wie sein Verhalten wieder Umschlug und seine Hoden wieder wuchsen. Durch sein Gewicht hat das Implantat seine Wirkung früher verloren. Es wurde ihm dann im letzten Herbst ein neues Implantat gesetzt, da er wieder völlig von der Rolle war. Seine Testosteronproduktion scheint weit über das Ziel hinaus zu schießen und ihn extrem zu stressen.

Jetzt im Frühjahr begann wieder das gleiche Spiel, nur dass wir es dieses Mal früher erkannt und früher ein neues Implantat setzen konnten. Loki ist in den Zeiten, in denen das Impantat nicht wirkt und seine Testosteronproduktion über das Ziel hinausschießt, um einiges aggressiver gegenüber Rüden. Aus diesem Grund ist dieses Implantat jetzt noch ein letzter Versuch soweit ihm im Training zu kommen, dass wir später auch ohne Implantat mit ihm relativ entspannt an Rüden vorbeigehen können. Wenn das wieder nicht klappt steht eben die chirurgische Kastration an, um ihm diesem Hormonchaos und Stress nicht mehr aussetzen zu müssen.

 

Und wie sieht’s bei euch aus?

Sind eure Hunde kastriert? Und aus welchen Gründen habt ihr euch dazu entschieden? Lasst mir doch gerne einen kommentar da.

Quellen und Lesetipps:

>> Nur weil etwas immer so gewesen ist, heißt es nicht, dass es immer so bleiben muss. <<

Unbekannt

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